In Platons Politeia stößt man auf das Bild des „megala panta episphale“. Je nach Übersetzungswillkür stünde alles Große entweder „im Sturm“ oder wäre „vom Sturz“ bedroht. Und genau innerhalb der Kippfigur aus Stürmen und Stürzen oszillieren die Texte aus Oniritti. Das sind Traumlandschaften aus der nicht müde gewordenen Feder des altgedienten Stücke- und Prosaschreibers Botho Strauß. Größtenteils kulturkritische Miniaturen in Form eines panoptischen Denkjournals, das die begrifflich einzufangende Bergung des noch zu Rettenden vorantreibt. Oder wie es der Autor selbst schreibt: Etwas, um dem „Zusammenbruch des Geistes einer ganzen Epoche“ zu begegnen.

Neben der keineswegs eindimensionalen Kritik an postmodernen Zivilisationsgemeinschaften einschließlich ihrer Konsum- und Popkultur ist in Botho Strauß‘ neuem Buch jedoch kein stringenter Erzählstrang, keine durchkomponierte Figurenkonstellation auszumachen. Ironischerweise entsprechen die vielen hundert Absätze genau jenem lüsternen Wegwischen, dem Momentanen und eifrig wieder Verschwindenden in den Smartphone-erleuchteten Gesichtern: „Oh dies Alles-auf-einmal. Oh dies Vielzuviel! Dies Alleszugleich!“

Die Cloud ist ja nicht vielmehr als eine Metapher des Traumes. Der Seelenhaushalt, der Stoff aus dem die Träume sind, hantiert in seiner Ganzheit doch unterbewusst mit den Möglichkeitskriterien unseres Erfahrungssinns. Auch wenn ihre Wahrheitsfähigkeit dabei nicht überprüft wird, entsprechen die Straußschen Höhlenbilder einer Art literarischer Systemtheorie. Wenn es für einen Traum nichts Unträumbares mehr geben kann, werden alle von außen herangetragenen Abweichungen bereits darin integriert. Seine Poetik lautet: „Auf jeder Seite muß ein Buch beginnen können, in jeder geschilderten Begebenheit die ganze Geschichte enthalten“ sein.

Die skizzenhaften Versatzstücke sind in diesem Sinne auf den ambitionierten Versuch angelegt, mit einer teils unausgegorenen Stoffsammlung aus Geschichte, Literatur und Mythologie eine abgerichtete Einheit durchscheinen zu lassen. Die vielen Referenzen an die bildende Kunst, besonders Schwarze Romantik, spielen dabei ihr hohes Dechiffrierungspotential aus: „Hören wir, wie Menschenstimmen nicht mehr einen Sinn zu uns tragen, sondern Vibrationen des Unverständlichen und halbverschluckter Schall uns treffen.“

Die Oniritti sind dann der literarisch eingeforderte Wunsch nach feiner aufgelösten Darstellungsgraden der Wirklichkeit. Die Welt ist insofern immer noch etwas komplizierter als bereits gedacht; ähnlich dem Schluss von Hölderlins Rheinhymne: „Bei Nacht, wenn alles gemischt / Ist ordnungslos und wiederkehrt / Uralte Verwirrung.“

Eine große Rolle spielt dabei die Figur des Höhleneingangs, der das All-Eine bereithalten soll: „Ich bettelte zu Gott um ein paar Almosen Vergangenheit.“ Mit dieser ontotheologisch getrübten Suche nach Erleuchtung verspricht sich Botho Strauß die Spalten, Falten und Felsen der gebrochenen Wirklichkeit einebnen zu können. Das endlose Ausprobieren, etwaige „Uranfänge“ oder „urerste Gestalten ins Leben“ zu rufen, gleicht einer nicht einlösbaren Rückkehr zum Original, zum entglittenen Seienden im Ganzen wie es Martin Heidegger nennt. Die Forderung nach weniger Eklektizismus und „Bastardisierung“ stellt zwar nicht den Rückfall ins Reaktionäre, aber einen immer noch konservativ zu wertenden Aufruf zur künstlerischen (und moralischen) Aufrichtigkeit dar.

Das erinnert dann nicht selten an biblische Erlösung: Archaisch und endzeitlich, vorwärts und rückwärts in einem. Die Oniritti sind eine antimodernistische Atlantis-Erfahrung ähnlich der Erlebnisse in Ernst Jüngers Auf den Marmorklippen oder in Hermann Hesses Morgenlandfahrt. In ihr wird eine zwar kulturgeschichtlich überfrachtete, aber keinesfalls unkluge Leseanleitung zum Seligseinkönnen einer „kommenden Gemeinschaft“ in Aussicht gestellt. Pikant genug, dass Botho Strauß sich selbst jedoch als Initiator dieser Bewegung stilisiert. Er ist in seinem demiurgischen Gewand zugleich Traumregisseur, Prometheus und Zarathustra und hält Anrufung, Protest und Predigt in der so geschaffenen Welt als seiner Bühne bereit.

Oniritti hätte ein großes Buch des frühen 21. Jahrhunderts werden können, läge ihm eine auserzählte Begegnung mit menschlichen Untiefen zugrunde, die nicht identisch mit der zorngetränkten Metaphysik seines Autors wäre; erschüfe es einen in sich verwobenen Handlungskosmos, anstatt einzelne Fäden ganz bunter Stoffe zu (re)zitieren. So wie in anderen Werken, die aufs Ganze abzielten, bereits geschehen: etwa bei Roberto Bolaño oder Péter Nádas. In der hier dargereichten Form bleibt Oniritti nicht viel mehr als poetische Kraftmeierei, die jedoch einiges an Verzauberung bereithält.

von Marcus Böhm

Botho Strauß: Oniritti Höhlenbilder. Carl Hanser Verlag: München 2016. 277 S., 22,00 Euro.

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/oniritti-hoehlenbilder/978-3-446-25402-2/

2 thoughts on “Botho Strauß: Oniritti Höhlenbilder”

  1. Die Rezension ist sehr dicht. Mir hätten einige Zitate geholfen die Flut an Anmerkungen zu verdeutlichen. So hänge ich (leider) etwas in der Luft. Ich werde mir aber auf jeden Fall die Leseprobe des Verlags ansehen. Danke.

Schreibe einen Kommentar zu Marcus Böhm Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.