Überall Kreuzfahrten, nichts als Kreuzfahrten. Nun hat auch schon ihre literarische Aushöhlung eingesetzt. Zum Glück mit kritischer Perspektivierung, obwohl es der Buchpreisträger Bodo Kirchhoff nicht lassen konnte, ihr ein schmonzettenhaftes Happy End zu bescheren. Was bleibt einem letztlich als Autor übrig, wenn man sich wissentlich in die selbstironische Durchforstung seines Schreibens stürzt? Denn die Einladung zu einer Kreuzfahrt ist sozusagen die inhaltliche Fortführung seines bisherigen Œuvres mit poetologischem Vorzeichen.

Unüberlicherweise bedient sich das Büchlein des seltenen Genres des Briefromans, auch wenn es nur aus einer einzigen, vom Autor selbst verfassten Email besteht. Sie ist sozusagen ein verqueres Sendschreiben darauf, warum man als Schriftsteller möglichst (nicht) auf eine Einladung zu einer Karibikkreuzfahrt eingehen sollte. Der teilweise bernhardeske, fast schon verloren geglaubte Briefschreiberduktus in vornehmer Endlossatzschleife findet sich Modus absoluter Präsenz wieder. Der Leser sieht dem Autor dementsprechend in Echtzeit dabei zu, wie er die Schreibsituation in einem Rutsch zu bewältigen versucht.

Erfreulich genug, dass hier mehr die Abgründe, als die Gründe einer Kreuzfahrt, überhaupt des Pauschaltourismus ausgesponnen werden. Es bleibt ein Spiel mit der Phantasie, das die Ängste und Phobien reflektiert, die mit der künstlichen Verpflanzung auf einen riesigen Vergnügungsdampfer verbunden sind. Kein Wunder, dass der psychoanalytisch geschulte Kirchhoff das zivilisationsermüdete Soziogramm der Kreuzfahrer nur als therapeutische Verlängerungsmaßnahme der hauseigenen Idylle brandmarkt. Die notwendige Arroganz des Bildungsbürgers grenzt sich davon ab. Sein grundlegend anders gearteter Habitus möchte Oberflächen aufbrechen und sie nicht noch weiter versiegeln. Er erträgt die Paradoxien des Alltags lieber als sie auszublenden.

„Lieben Ihre fünftausend zahlenden Gäste das Meer, wie es ein Odysseus geliebt hat, ein Jules Verne, ein Joseph Conrad? Wohl kaum.“

Kreuzfahrer sind Abenteurer ohne Abenteuer. Sie setzen sich einer kreisförmigen Bewegung ohne Ziel aus, in der das Glück weder gepachtet, noch Romantik auf Knopfdruck hergestellt werden kann. Sie bleibt von einem künstlerischen Standpunkt aus eine Farce, gerade weil Literatur sich nicht vollständig in die Konsumkultur des Gefälligen und Vorportionierten einreihen lässt. Sollte der Schriftsteller demnach als eingeladener „Gastkünstler“ mit Karaoke und Zauberern konkurrieren, so entspricht das nicht minder dem Eingriff in Mund und Mündigkeit des Autors.

Nebenbei sucht Kirchhoff das Gespräch mit sich selbst und fasst sich mitunter auch an die eigene Nase. Es geht um die Animositäten unter Autoren und die Klischees der eitlen, selbstgefälligen Literaten. Doch ist gerade ihr Produkt, das fertige Buch, die häufig nicht mehr in Frage gestellte und ausgelebte Egomanie, die sich vor Fremdbezichtigungen verweigern muss. Ziel ist es „Illusionen (…) zu sprengen und die Welt in das Gesprengte strömen zu lassen“.

Bodo Kirchhoff wäre jedoch nicht er selbst, wenn es ihm dabei nicht um alles das ginge, was sich zwischen den Liebenden abspielt. Auch wenn sich die Mitarbeiterin des Reiseveranstalters am anderen Ende der digitalen Leitung in epischem Maße damit überfordert sehen sollte, beugt sich der Autor im Verlauf seines Schreibens immer mehr in ihre hilflose Position empathisch hinein. Ironie oder nicht, die im Vertrauensvorschuss erbrachte Zuneigung grenzt mit ihren verspielt verführerischen Bonmots am Ende an einen gewissen Narzissmus, den es eigentlich zu überwinden und nicht einzulösen gälte.

von Marcus Böhm

Bodo Kirchhoff: Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt. Frankfurter Verlagsanstalt: Frankfurt a. M. 2017. 128 S., 18,00 Euro.

http://cms.frankfurter-verlagsanstalt.de/fva.php?page&p=DE,27623,,,,,

2 thoughts on “Bodo Kirchhoff: Einladung zu einer Kreuzfahrt”

    1. Das hatte ich auch schon entdeckt. Ich glaube, dass wäre das ideale Geschenk für alle zukünftigen Kreuzfahrer, die mit dem feinen Humor in der Sache umzugehen wissen. Am besten auf dem Heimflug aus Havanna anhören und sich hoffentlich beim Schmunzeln über sich selbst ertappen.

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