Peter Handkes Lied vom Kindsein fragt an einer Stelle: „Wie kann es sein, daß ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und daß einmal ich, der ich bin, nicht mehr der ich bin, sein werde?“ Scheinbar liegt eine Verbindung in dem, was uns eint und was uns trennt, was uns gleicht und was uns teilt. In ähnlicher Weise gelten Zwillinge zwar als dieselben, sind jedoch nicht miteinander identisch. Auch wenn sie das gleiche Erbgut teilen, erheben sie Anspruch darauf, unterschiedliche Personen zu sein, obwohl ihnen die besondere Beziehung der Einheit vorangegangen ist.

Barbara Schibli verhandelt in ihrem Debütroman Flechten allerdings nicht nur das Aufeinanderbezogensein der Zwillingsschwestern Anna und Leta, sondern will das große Ganze mitbedenken: „Zumindest suchen wir beide, Leta und ich, dasselbe, simpel und quälend schwierig zugleich: ein Verhältnis zur Welt.“ Doch trotz gemeinsam verbrachter Jugend und der (un-)heimeligen Einflüsse in der Schweiz haben sich Anna und Leta in ganz verschiedene Richtungen entwickelt: Während sich Anna in ihrem wissenschaftlichen Forschungsprojekt der Erschließung von Flechten widmet, organisiert Leta derzeit ihre eigene Fotoausstellung.

Beiden Neigungen ist aber die verschränkende Sicht von materiellen und ideellen Phänomenen gemein. So wie Anna mit dem Mikroskop den Ordnungen der Flechten nachspürt, fängt Letas Kamera-Objektiv die sich stets verflüchtigenden Momente des Jetzt ein. Zoomen, Sammeln und Bewahren dienen dann als rückversichernde Momente einer auf Dauer gestellten Verifikation. So, als ob das Forschende, Sichtende die eigenen, brüchigen Verhältnisse des Lebens vorzubeugen wüsste.

Die Beobachtung des Anderen ist somit nur eine prophylaktische Maßnahme auf sich selbst, um unserer aller Vergänglichkeit wieder Herr zu werden. Die Ironie dieses Bestrebens entzündet sich vor allem, wenn in Lenas Kunstprojekt Observing the Self Aufnahmen gezeigt werden, auf denen wiederum ihr Zwilling Anna zu sehen ist. Die Spiegelungen der beiden werden dann offenbar, weil der jeweils andere sowohl vor als auch zugleich hinter der Kamera stehen könnte: „Wir gehen ineinander über.“

Als tonangebende Metapher durchzieht die ungewöhnliche Lebensform der Flechte dabei die Passagen des Romans. Mit diesem fabelhaften Mischwesen aus Pilz und Alge wird dann das Kollektiv aus Individualitäten zum Ausdruck gebracht, das auch seine entsprechend umgemodelte, auf den Menschen abzielende Interpretation zu finden weiß: „Das Wir ist eine Flucht aus der Vereinzelung“. Die Natur gibt in ihrer schützenden Behausung bereits die Maßgaben des Kreislaufs aus Sozialität, Anpassungsfähigkeit und Wiederverwertbarkeit vor. Sich die Welt anzueignen, hieße dann nur noch den entsprechenden Fließbewegungen freien Lauf zu lassen: „Eine Einheit sollte alles zusammen ergeben, auf ein- und dasselbe verweisen.“

Ungeachtet der zurückhaltenden, dramaturgisch wenig ins Gewicht fallenden Rahmenhandlung seziert Barbara Schiblis Roman vordergründig die wortwörtlichen Verflechtungen zwischen Geist und Natur. Dieser oftmals mangelnden Eintracht im eigenen Körper zum Trotz ist der Mensch (ja glücklicherweise) ein vernunftbegabtes Tier geworden, das über sich selbst hinausragt und der Natur ein kräftiges „Nein“ entgegenschleudern kann; mit dieser Freiheit aber auch zu kämpfen hat, wenn er den sich ablagernden Sedimenten des Lebens ins Auge blickt. Sprachlich auf klare Kante und Konkretion gemünzt, verhandelt Flechten die beargwöhnten Dualismen in essayistischer Präzision, bleibt jedoch in poetischer Hinsicht zurück. Was hier dem Szientismus angekreidet wird, bedürfte demnach einer noch stärker ins Werk gesetzten Ausgleichsmasse vom Linksaußen der Kunst.

von Marcus Böhm

Barbara Schibli: Flechten. Dörlemann Verlag: Zürich 2017. 192 S., 21,00 Euro.

https://doerlemann.com/?id=594&k=2

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.