Kirio – das ist ein modernes Märchen, dem ein zutiefst karnevalesker Zug eingeschrieben ist. Sein intern gelagertes Ironiebestreben wird jedoch niemals vollständig offengelegt. Man meint es mit den Dingen hier geradezu bierernst und initiiert somit eine doppelt gebrochene Ebene zum Erzählten. Diese wunderbar paradoxale Haltung ist etwa aus dem Film Die fabelhafte Welt der Amélie bekannt, der in ähnlicher Manier ein beständiges Vexierspiel zwischen vordergründiger Handlung, dem Betrachter und einem übergeordnetem Off-Erzähler treibt. In dieser Entsprechung entwirft die Autorin Anne Weber in Kirio ein wechselseitig angewiesenes Referenzverhältnis, das einem dialektischen Orakel gleicht: Man weiß nie so recht, wer eigentlich was an wen mit welcher Absicht offenbart oder wer zur Errettung seiner selbst auf den jeweils anderen dringender angewiesen scheint.

Der Charme Kirios setzt bereits mit seiner zauberhaft inszenierten Geburt ein, die Wundersames in Aussicht stellt. Ob hochbegabt oder nicht, Kirios Kindheit im südfranzösischen Drôme zeichnet sich besonders durch ihren unmittelbar-naiven Zugang zur nächsten Umwelt aus: „Er befragte etwa die Schwalbe zu ihren Flugrouten und den Briefkasten nach den Adressaten in seinem Bauch, und er schien von ihnen Antworten zu erhalten“. Nachdem er sich immerzu radschlagend oder stur auf den Händen vorwärts bewegend über die geltenden Konventionen nicht nur der Schule hinweggesetzt und seinen Lateinlehrer Beauchamp zur Weißglut getrieben hat, findet er Unterschlupf bei der stummen Prisca.

Als ihre körperlichen Begehrlichkeiten den schüchternen Kirio sichtlich überfordern, flüchtet er sich in eine Höhle an der Ardèche und genießt das Naturidyll: „Alles, was es zu erfahren gab, war ihm willkommen, believe it or not.“ Doch die kindliche Neugier bahnt ihm den Weg aus der Grotte nach Paris. Zwischen einer Dachbodenkammer, die mehr einem Kuriositätenkabinett en miniature gleicht, und dem Leben als avantgardistischer Straßenmusikant, behauptet sich Kirio als herzensguter Sonderling inmitten glückloser Existenzen. Über einen unverschuldeten Zwischenfall mit dem französischen Präsidenten gerät Kirio in eine psychiatrische Klinik in die Bretagne und kurz darauf ins hessische Hanau, den Geburtsort der Brüder Grimm.

Der Roman Kirio bedient sich inhaltlich zweifelsohne der literarischen Tradition des jungenhaften, arglosen Einsiedlers, der in die Welt hinauszieht. Kirio – ihm stößt das Leben mehrheitlich zu, als dass er sich aktiv darum bemühen müsste, selbst etwas voranzutreiben: „Wenn er aufstand, um etwas zu suchen, fand er so viele andere Dinge, dass ihm unweigerlich das Gesuchte aus dem Sinn geriet.“ Kein Wunder, dass sich dieser verquere Kerl mehrheitlich spielerisch zu sich selbst und zur Welt verhält. Sie steht Kopf, ihr umstürzlerisches Potential verkehrt alle Sichtachsen, Ordnungen und Wahrnehmungen. Kirio ist die Person gewordene Alternative zur Alternativlosigkeit. Er ist Schalk, Schutzengel und Harlekin in einem, ohne dass er je selbst etwas davon ahnen könnte: „Es scheint keinen Grund für sein Gut-Sein zu geben.“

Der Geschichte Kirios wird sich dabei aus verschiedenerlei Perspektive angenähert. Es ist die Einladung an den Leser, besonders jedoch eine der Erzählerin an sich selbst, sich der Freiheit einer unendlichen Vorstellungskraft bedienen zu dürfen: „Für Kirio müsste sie die Grammatik sprengen, neue Wörter und am besten ganz neue Buchstaben erfinden.“ Ihr Angebot ähnelt einer literarisch gefärbten Einführung in die Möglichkeiten der Erzähltheorie: „Ich bin überall zugleich, kenne weder Außen noch Innen.“ Das Plädoyer für den sichtbaren, eingreifenden Erzähler kommt also mit einer Liebeserklärung an die Gestaltungsformen fiktionaler Texte überein. Nur hier reihen sich Uneigentliches und Zufälliges nahtlos zu einem Phantasma aneinander.

Manchmal erinnert dann der leichtfüßig wortgewandte Tonfall in Kirio an Günter Grass oder in jüngerer Zeit an die wild-grotesken Anglizismen und Sprachgebärden Teresa Präauers. Mit der überaus deutlichen und nicht minder reflektierten Präsenz des Erzählerischen hat es Anne Weber – so viel darf behauptet werden – völlig zurecht auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft. Neben nur vier weiteren Titeln aus dem Bereich Belletristik dürften ihr hoffentlich gute Chancen auf den ersten Platz eingeräumt werden.

von Marcus Böhm

Anne Weber: Kirio. S. Fischer Verlag: Frankfurt a. M. 2017. 217 S., 20,00 Euro.

http://www.fischerverlage.de/buch/kirio/9783103972696

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