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Eine Maßgabe polarisierender Literatur könnte das lektürebegleitende Hervorrufen widersprechender Emotionen sein. Wenn sich im Andrang von Seligkeit eine zugleich unbestimmte Form von Skepsis einstellt, so wäre das ein verlässlicher Vorbote für einen diskussionswürdigen Roman. Ob diese durchaus verhandelbare Richtschnur auch für Weshalb die Herren Seesterne tragen gilt, scheint nicht ganz offen zu liegen. Denn der zweite Roman der jungen österreichischen Erzählerin Anna Weidenholzer, gerade bei Matthes & Seitz in vorbildlicher Ausstattung erschienen und für die Longlist des Deutsches Buchpreises nominiert, spielt mit seinem Sujet und auch dem Leser.

Man begegnet Karl Hellmann, einem pensionierten Lehrer, der sich aus dem tristen Alltag ohne Vorankündigung verflüchtigt hat. Ausgerüstet mit Auto, Straßenatlas und Diktiergerät, steigt er in dem kleinen Hotel Post in den österreichischen Bergen ab. Trotz aufflackernder Antriebslosigkeit versucht Karl die unterschiedlichen Bewohner inmitten provinzieller Alpenidylle für seine Sache zu gewinnen. Sein Ziel ist es das Rätsel der „kollektiven Lebenszufriedenheit“ aufzuspüren: „Wer eine gesellschaftliche Situation verstehen will, muss die Erfahrungen der Menschen zum Sprechen bringen. Margit, mein Mädchen, es war so weit, ich musste weg von hier.“ Margit, das ist die gehörnte Ehefrau Karls, die obschon nicht physisch präsent, die Lebenswirklichkeit Karls wie keine zweite prägt.

Karls methodisches Vorgehen orientiert sich am empirisch bestimmten Glücksbegriff auf Grundlage des offiziellen Fragebogens zur Ermittlung des Bruttonationalglücks in Bhutan, dem weltabseitigen Land im Himalaya. Verschiedene Menschen sollen also befragt werden, warum sie (un)zufrieden in ihrem Leben sind. Doch im Ergebnis läuft das Ganze nur auf eines hinaus: nämlich auf nichts. Entweder bringen die Teilnehmer der Studie nicht das erforderliche Reflexionsniveau auf, um über sich selbst im objektiven Maßstab hinaus zu denken, willigen der Befragung gar nicht erst ein oder verzetteln sich in Belanglosigkeiten à la „Allerheiligen fällt ungünstig (…).“ bzw. „Ich mag Fisch, aber nur paniert.“

Erzählerisch vollzieht sich der Roman als Fortgang und Rückkehr in einem. Karl befindet sich zwar auf dem Heimweg zu seiner Frau Margit, rekapituliert aber auf der Autofahrt den fünf Wochen zurückliegenden Ausbruch von zu Hause und die anschließenden Erlebnisse. Das klare Sprachbild Anna Weidenholzers stilisiert sich, indem die Perspektiven häufig, oft auch innerhalb eines Satzes, gebrochen werden. So entfaltet sich schon zu Beginn eine narratologische Dynamik in einer Gemengelage verschiedener Sichtweisen auf ein und dieselbe Person: Karl. Das Auktoriale vermischt sich darin mit personalen und ich-personalen Strukturen. Subjektives Innen und objektives Außen gehen somit ineinander über und sind oft nicht voneinander zu unterscheiden. Das ist die unbestrittene Stärke des Romans.

Neben der vordergründigen Handlung zur Erforschung des Glücks, besteht der Roman zu großen Teilen aus imaginär ausgetauschten Gedankenfetzen zwischen Karl und seiner Frau Margit. Unwesentlichkeiten über Pflanzen, Haushalt und Wetter zetteln dabei redundante Streitereien im Alltag herbei. Die in dieser Weise in den Handlungsgang eingezogenen Erinnerungen an Margit decken somit erst die dahinterliegende Motivation für Karls Ausbruch auf: „Manchmal sprechen wir eine Weile nicht.“ Das ist dann genau die Stille und Leere langer Beziehungsgeflechte, die einen zur Veränderung nötigt.

Zentrales Thema des Romans ist insofern die allerorten zu verzeichnende Kommunikationsstörung, die bereits zu Beginn eines jeden Gesprächs einsetzt. Sofern Erwartungshaltungen stetig verkehrt und immer wieder Barrieren der Kontaktaufnahme aus dem Weg geräumt werden, leidet darunter letztlich die Bedeutungsaufladung gesellschaftlicher Praktiken. Wenn man partout nicht mehr versteht, was der andere will, lässt einen das bei der Lektüre von Anna Weidenholzers Roman immer wieder an Vicco von Bülows traurig-genialen Humor erinnern, der nicht selten den Unterschied zwischen Alltagserlebnis und Skurrilität aufzulösen versuchte.

So findet auch die vom Protagonisten Karl entworfene Struktur des Fragebogens ihren Vorgänger in Max Frischs bekannten Tagebüchern: „Kennen Sie die Namen Ihrer Urgroßeltern?“ – „Wie oft beten Sie?“ – „Bauen Sie Gemüse an?“ Die zunächst plump wirkenden Fragen veranlassen einem dennoch zum Innehalten. Gefangen zwischen Sokratischer Weisheit und Freudianischer Psychoanalyse könnten die aufbegehrenden Fragen den Grenzbereich von Mäeutik und Therapeutik eröffnen, wäre der Text nicht inmitten provinzieller Abwesenheit von Kultur und Weitläufigkeit angesiedelt, in der die Menschen letztlich nur mit sich selbst beschäftigt sind und Karls Beklommenheit eines „Und alle Fenster finster und hier draußen ich“ verursacht wird.

Ist das ein Roman über die Abrichtung des selbstvergessenen Lebens in der Provinz, die in einer Aneinanderreihung von Gemeinplätzen besteht: Nachbars Haustiere, geschmückte Blumenbeete und Mülltrennung? Vielmehr steht der gescheiterte Intellektuelle im Mittelpunkt. Wie in vielen Texten Thomas Bernhards verliert sich auch Karl im ewigen Sichten und Ordnen: Ein immerwährendes Vorbereiten einer Sache, die niemals zu ihrem eigentlichen Kern vorstößt. Andauernd wird korrigiert und von vorn angesetzt, ohne die eigene Unzulänglichkeit einsehen zu können. Denn gerade das Befragen der Anderen zwingt einen zur Auseinandersetzung mit sich selbst. So auch Karl, der wie mancher Leser am Ende unverstanden mit der Frage zurückgelassen wird, was das alles eigentlich sollte. Da hilft auch die Erklärung für den am Revers gehefteten Seestern nicht mehr viel.

von Marcus Böhm

Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen. Matthes & Seitz: Berlin 2016. 190 S., 20,00 Euro.

http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/weshalb-die-herren-seesterne-tragen.html

 

5 thoughts on “Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen”

    1. Streckenweise halte ich den Roman auf inhaltlicher wie auch formaler Ebene für gelungen. Doch leider fehlt es dem Ganzen an nötiger Relevanz. Man weiß letztlich nicht so recht, was daraus gezogen werden soll. Also macht sich eher Unzufriedenheit breit. Leider.

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