kreis

Das Anekdotische vorweg: Andreas Maier war einmal zu Gast in Berlin und las dort einen Teil seiner Kolumnen aus der Zeitschrift Volltext vor. Diese sind dann kurze Zeit später als Onkel J. mit dem Untertitel Heimatkunde in Buchform erschienen und bilden im Grunde genommen das Fundament seines weiteren Schreibens. Die damalige Szenerie in den Räumen der Humboldt-Universität glich allerdings einem gewissen Kuriosum. Denn der quasi als Waldschrat verkleidete Autor mit ausuferndem Bart und abgewetztem Strickpullover stellte montagmorgens eine selbst abgefüllte Flasche Apfelwein auf das Pult, öffnete sie bedächtig und begann zu lesen. Nach einigen Texten erzählte Andreas Maier den Studenten, dass er jetzt endlich zu seinem Schreibstil gefunden habe. Und mehr noch, nach einem betont selbstsicheren Schluck aus der Flasche ließ er verlauten, sich nun bereit zu fühlen, sein Lebenswerk zu schreiben. Keiner im Saal wollte das in diesem Moment so recht wahrhaben und man vernahm im selben Atemzug noch ein paar unterdrückte Lacher aus den hinteren Reihen.

Doch Andreas Maier hat Ernst gemacht. Jetzt nach über sechs Jahren liegt bereits der fünfte Band der sogenannten Ortsumgehung im Suhrkamp Verlag vor: Der Kreis. Das Lebenswerk ist dabei nichts Anderes als die eigene Lebensgeschichte in Form einer nahezu handlungsabwesenden Konstellation, die sich zeitlich und räumlich immer weiter ausgedehnt hat.

„Den Morgenrock zog [meine Mutter] nur aus, wenn sie Zimmer und Haus verließ, und mit dem Auto auf die Straße hinausfuhr, um in den Ort zu gelangen oder irgendwohin in den Umkreis Friedbergs.“

Nach den Romanen Zimmer, Haus, Straße und Ort, ist nun der Kreis an der Reihe. Wobei allein schon der Begriff des Kreises das bisher vielschichtigste Sinnpanorama entfalten dürfte – es aber, das sei vorweggenommen, nicht vollständig einlöst. Handelt es sich um den nächsten Umkreis, den eigenen Freundeskreis, den Landkreis oder ist es der ewige Kreislauf der Natur? Festzuhalten bleibt, dass mit dem Kreis die bisher linear verlaufende Struktur der Ortsumgehung erstmals gebrochen wird. Dehnte sich das bisherige „Geschehen“ vom kleinen, häuslichen Zimmer auf die Straßen und Felder der angrenzenden Dörfer aus, wuchs das schutzbedürftige, kindliche Neutrum zu einem aufbegehrenden Teenager heran, so verlagern sich die Beobachtungen des Kreises größtenteils zurück auf die allernächste Umgebung des elterlichen Hauses. Das könnte als ein zweiter Anfang gelesen werden, der das bisher Geschriebene in einem neuen Anlauf neu zu durchdenken wagt. Der unerschrocken postpubertäre Teenager aus dem vorhergehenden Band wird wieder auf sein naives Selbst der Kindheit zurückgeworfen, in der die gefühlte Langsamkeit der Zeit wieder überschwänglich wird, in der die Präsenz der Gegenwart noch viel tiefgreifender als das Verfangensein im Vergangenen vorherrscht.

Ausgangspunkt des neuen Romans von Andreas Maier ist das Bibliothekszimmer der Mutter in der Wetterau; in einer Umgebung voller Nützlichkeiten wie Sichtschutzgardinen, Dauerwellen und Jägerzäunen. Sollte sich die Mutter einmal in ihrer kleinen Bibliothek verschanzt haben, so durfte sie – und vor allem auch die Heiligkeit des Buchstabens – um keinen Preis gestört werden. Es ist die vom Kind im Grundschulalter ausgehende Bewunderung für das Ominöse hinter den vermeintlich unendlichen Weiten des Wissens. Gleichzeitig wird immer wieder festgestellt, wie wenig konkret sich dasjenige konturiert, was von der Mutter bei ihrer Lektüre verhandelt wurde. „[E]s mußte so etwas sein wie die Erklärung von überhaupt allem, eine Erklärung der gesamten Welt.“ Die Stärke dieses minutiösen Verfahrens ist das herausragende Einfühlen des Erzählers in das naive Dasein des Heranwachsenden. Der Autor ist dem Kind immer schon voraus; lässt das den Leser auch wissen. Andreas Maier verleiht der kindlichen Ahnung eine nachträglich implantierte Bewusstseinsstruktur. Es ist die Reflexion über das unschuldige Noch-nicht-Wissen mit den sich viel später angeeigneten Mitteln der sprachlichen Verständigung. So kann eine Ausdrucksmöglichkeit geschaffen werden, für die in der Kindheit oftmals nur noch Schwiegen übrigblieb. Diese Zuschreibungen entsprechen dann genau den Gemütslagen, die wir im Nachhinein alle nachfühlen können. „Teils erinnere ich mich an die Bilder, erst später begriff ich, wie diese Bilder gemeint waren und was sie bedeuten sollten.“

Was bedeuten uns Bücher, was heißt es, das geschriebene Wort zu vernehmen? Die Welt ist erst das, was festgeschrieben wurde. Hier wird der Buchstabe als das Tor zur Erkenntnis gehuldigt. In der unendlichen Aneinanderreihung erweist er sich als Korrespondenzfigur zwischen Mensch und Welt, in deren reflektiertem Umgang wir unsere eigene Bildungsgeschichte erst verstehen können. Andreas Maier zeigt, aus welchem Interesse heraus sich das Kind Wissen aneignet. Um in einer überaus textpositivistischen Weise mit den Erwachsenen Schritt halten zu können, wird sich alles einverleibt. Nicht nur die nichtverstandenen Bücher, sondern auch die Dinge selbst. Das Klavier lediglich als Ruhepol zu betrachten, heißt es seiner eigentlichen Bestimmtheit zu entheben. Doch im Ruhezustand enthält es bereits die potentielle Möglichkeit alles Spielbaren. Und der Phantasie sind dann keine Grenzen mehr gesetzt. Doch der kindliche Elan, die unerschöpfliche Neugier muss sich stets zügeln. Die Erkundung des Hauses geht immer mit der Angst einher, zu weit zu gehen, erwischt zu werden. Dabei offenbart sich gerade in der Auseinandersetzung mit den Dingen ihr unverfängliches Sosein als Objekt. Somit verhilft uns die zunächst äußerliche Beschäftigungs-und Weltaneignungstherapie zu einer Anreicherung des subjektiv noch unzureichend ausgerüsteten Erfahrungsschatzes.

Als Jugendlicher verlagert sich das Gelesene mehr zum Gehörten. Die zuvor erfahrene Singularität des gedruckten Buches wird mit zunehmendem Erfahrungsschatz immer weiter degradiert. Plötzlich entdeckt man, dass es Millionen von Büchern gibt; das einzelne kann eigentlich gar nicht mehr so wichtig sein kann. Auch das vormals auratisch wirkende Klavier wird durch ein blechernes Schlagzeug ersetzt. In einer zunehmend fragileren Ordnung der Dinge lässt einen vielmehr die Poetik des Rockkonzerts in Kontakt mit so etwas wie Welt treten und man fühlt sich als Person auf einmal ganz klein. Die frühere Heimeligkeit erfährt somit einen Riss. Alles wird plötzlich von den Sinnen überreizt, indem vor allem der eigene Körper die brüchige Erfahrbarkeit der Welt mitregiert. Man entwickelt sozusagen ein handgreifliches Gespür für die simultan verlaufenden Unähnlichkeiten, die sich jedoch im inneren Kern jedes Einzelnen spiegeln lassen. Man kann also nur etwas auf den Begriff bringen, wenn man Identität und Nicht-mit-sich-selbst-identisch-sein zusammen denkt. Dafür steht letztlich der Kreis, der kein Innen und kein Außen, keinen Anfang und kein Ende besitzt, aber in einer durchscheinenden Wechselwirkung aller Widersprüche als formgebende Einheit fortbesteht.

„Der Geist war etwas, das irgendwie da war, aber man konnte ihn nicht greifen.“

Der Kreis verhandelt die Einführung des Geistigen in die Biografie des Heranwachsenden. Doch wenn Andreas Maier in vorhergehenden Bänden stets eine geschlossene Rahmenhandlung entwarf, die an gewisse Fixpunkte gebunden war, so wird auch dieses Vorgehen hier nochmals durchmengt. Der Kreis könnte als eine Selbstinterpretation des bisherigen Geschehens gelesen werden; wie ein notwendig gewordenes Innehalten im hastigen Durchzug des Lebens. Trotz aller Sympathie für den Autor und dessen philosophisch versierte Fabulierkunst, bleibt festzuhalten, dass aus der vielgestaltigen Metapher des Kreises noch mehr „Material“ hätte herausgeschlagen werden können. Dennoch, wer sich von den Büchern der Ortsumgehung bisher noch nicht unterhalten ließ, sollte dies jetzt unbedingt nachholen.

von Marcus Böhm

Andreas Maier: Der Kreis. Suhrkamp: Berlin 2016. 147 S., 20,00 Euro

http://www.suhrkamp.de/buecher/der_kreis-andreas_maier_42547.html

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