Die Berliner Mietskaserne aus der Gründerzeit ist ein eigener Mikrokosmos. Das Ensemble aus Vorderhaus, Innenhof, Seitenflügel, Quergebäude, Remise, Kohlekeller und stillem Örtchen auf halber Treppe beruht auf einem Charme, der je nach Renovierungsgrad etwas mehr als nur Edelrost versprühen kann. Eine fast schon vergessene Renaissance erfuhr diese unkonventionelle Wohnweise als politische Lebensform noch einmal zur Wendezeit. Denn in den Jahren nach 1989 schien im Osten Berlins beinahe alles möglich zu sein: „Die alten Spielregeln galten nicht mehr, und die neuen waren noch nicht in Kraft.“

Ironischerweise war die teilweise geduldete Hausbesetzerszene unweit des Rosenthaler Platzes rund um Brunnen-, Garten- und Ackerstraße in nicht unerheblichen Teilen von einem linksalternativen Westpublikum durchsetzt: „Du klebst deinen Namen an die Tür und überweist drei Monatsmieten, drei mal 46 Mark. Mit dem Beleg gehst du zum Amt, die geben dir den Vertrag.“ Gegen das elitäre Selbstverständnis der privilegierten Westler und die Übernahme von Altimmobilien protestierten nicht nur Punks, Hooligans und Neonazis, sondern das Ganze vermischte sich schnell noch mit Kleinkriminellen und Obdachlosen.

Im Aufeinanderprallen von Ost und West ging es also nicht nur um ideologische Grabenkämpfe zwischen links, anarchisch, autonom und rechts, sondern schon sehr früh um Eigentumsverhältnisse und die sich darin wiederspiegelnden Ordnungsmechanismen, die bis dato als staatlich verbrieft galten. Der plötzliche Gewinn von materieller Freiheit für einige Wenige ging jedoch schnell mit dem Verlust an persönlicher Sicherheit einher, für die DDR-Instanzen zuvor noch bürgen konnten.

Jetzt, über 25 Jahre nach den Straßenschlachten und den politisch äußerst umstrittenen Räumungen, z. B. in der Mainzer Straße in Friedrichshain, spielt das Thema rund um bezahlbaren Wohnraum in den Innenstädten plötzlich wieder eine Rolle im öffentlichen Diskurs. Umso erfreulicher, dass der Journalist Andreas Baum das undurchsichtige Hausbesetzer-Milieu in Ost-Berlin wieder aufgegriffen und künstlerisch verarbeitet hat. Sein Roman Wir waren die neue Zeit erzählt in sieben einzelnen Episoden von dem jungen Sebastian Brandt und seinen Erfahrungen rund um das Experiment der Wende.

„Nicht nur das Haus, der ganze Osten lag ja da, als hätte ihn jemand einfach so liegengelassen.“ Die Szenerie ist in etwa folgende: Herausgebrochene Wände, eingeschlagene Fenster, laute Musik, Matratzen auf Euro-Paletten, überall Bierflaschen und Zigarettenstummel, dazu Werkzeuge aller Art, Malerutensilien, offene Leitungen und zwischendrin Menschen jeglicher Couleur. Sie alle haben sich irgendwie zum Ziel gesetzt, sich ihrer bürgerlichen Muster zu entledigen. Am besten im Zustand des Dauerkarnevals. Die unbestrittenen Stärken dieses Romans liegen eindeutig in der Erfassung dieser unbeschwerten Naivität: Die Protagonisten genießen die vermeintliche Unschuld des politischen Umbruchs, suhlen sich im ewigen Moment des Augenblicks und kapseln sich regelrecht vom Rest der Gesellschaft ab.

Der hier zu einer vermeintlich besseren Welt eingeschlagene Weg ist eine Phase der äußersten Ausdifferenzierung, in der die Teilnehmer nicht unterschiedlicher sein könnten. Ständig wird in basisdemokratischen Plenardiskussionen lauthals debattiert. Dabei geht es fast nie um das große Ganze, sondern man verliert sich im Kleinteiligen: Wer mit wem und warum? Der Disput im Kollektiv dreht sich im Kreis und das Recht auf Meinungsfreiheit wird immer weiter eingefroren: Wer nicht für uns ist, der ist wider uns. Die unablässigen Affären, Verdächtigungen und zwischenmenschlichen Streitereien entziehen der scheinbar politischen Grundlage des Projekts jedoch schnell den argumentativen Nährboden.

Eigentlich steht auch der Erzähler Sebastian Brandt, der nie vollständig aus seiner Spießerhaut hervortritt, sogar für Realo-Positionen ein. Das ist es dann auch, was die Kommune gegen ihn aufbringen lässt. Im Verdacht, er sei ein Spitzel der Behörden, wird er der internen Querelen und des aufgefahrenen Komplotts gegen ihn, überdrüssig. Bis er schließlich mit dem Gedanken spielt, das besetzte Haus zu verlassen.

Wenderomane gibt es zu Hauf; siehe Sven Regener, Ingo Schulze, Thomas Hettche u.v.m. Doch ihre Qualität bemisst sich vor allem daran, inwieweit ihre eingenommene Perspektive über reine Nostalgie und subjektives Empfinden hinausreicht. Andreas Baum schildert den Umbruch mehrheitlich aus der Sicht eines Westdeutschen, der den Osten als große Spielwiese für sich und die Seinen erkunden möchte. Es ist ein Buch, das vordergründig unterhalten möchte; wobei das unter Verwendung einiger Klischees, die man sonst eher in Fernsehfilmen vermutet, auch streckenweise gelingt.

Das Politische und vor allem auch die DDR sind dann leider nur Kulisse zur Ausstaffierung des Privaten, das sich selbst nicht ins Verhältnis zum Ganzen setzt; und das auch gar nicht möchte. Es geht also nicht um ein möglichst filigran seziertes Panoptikum der Wendezeit, sondern vielmehr um die möglichst skurrile Darstellung der Verhaltensweisen junger Menschen und die unkommentiert gelassene Ausreizung ihrer Möglichkeiten in der „neuen Zeit“. Früher hätte man einmal gesagt, dass dem Roman dann der doppelte Boden fehle, der ihm schließlich auch sein utopisches Potential auf Hoffnung verweigern lässt.

von Marcus Böhm

Andreas Baum: Wir waren die neue Zeit. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2016. 283 S., 19,95 Euro.

http://www.rowohlt.de/hardcover/wir-waren-die-neue-zeit.html

4 thoughts on “Andreas Baum: Wir waren die neue Zeit”

    1. Danke auch, doch sollte man die Erwartungen an das Buch nicht allzu hoch ansetzen. Es ist schlicht eine angenehme Lektüre über ein ganz anderes Berlin, das es heute in dieser Form einfach nicht mehr gibt und einen sentimental darüber werden lässt, zu spät geboren worden zu sein.

  1. Es gibt ja die Leute, die nach Cover urteilen und kaufen. Ich bin wohl eher jemand, die sich für tolle Titel begeistert (Beste Cover ever: Reclam! )
    Aber hier spricht mich der Titel total an. Wir waren die neue Zeit, dass ist so klangvoll und stark, wunderbar. Ich hoffe das spricht für die literarische Qualität der Sprache und des Autors. Ich mag es, wenn jemand Ausdrucksstark erzählen kann.

    Ich fühle immer so eine Anziehung zu den Wende-Romanen, da ich in der Wende-Zeit geboren bin. Theoretisch habe ich zwar von der DDR nichts mehr mitbekommen, aber viele Sachen finde ich trotzdem in meiner Kindheit wieder, und ich habe die Unsicherheit gespürt, das Klima des Überganges. Als Kind ist man da vielleicht emotional empfänglich. Leerstehende Häuser gab es bei uns noch bis Mitte der 2000er. Definitiv die 90er, aber erst Ende der 90er, Anfang 2000 wurde wirklich begonnen aufzuräumen. Um das Jahr 2000 hat man einen Richtungswechsel gespürt. In der Schule war die DDR ein Tabuthema. Das erste Mal, dass wir wirklich über die DDR geredet haben, war 2006. Bis dahin war die ehemalige DDR zumindest in unserer Ecke Niemandsland. Es stand regelrecht still.

    Viele Grüße, Anja

    1. Schöner Kommentar; Danke! Der Titel hat mich tatsächlich auch zu allererst gereizt. Wobei man nicht vergessen sollte, dass die „Neue Zeit“ immer schon ein propagandistisch aufgeladener Kampfbegriff gewesen ist; von rechts wie auch links. Verwundert hat mich dann der Umstand, einen fast schon unpolitischen Roman gelesen zu haben, der die DDR eigentlich nur als Kulisse in den Blick nimmt. Andreas Baum ging es, denke ich, mehr darum ein Gefühl des Loslassens und Abstreifens alles Alten einzufangen: Was ihm in Bezug auf die zu spät gekommenen 68er aus dem Westen auch gelungen ist.

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