Ally Kleins Carter ist ein gewichtiger Roman im doppelten Sinne: Einerseits wird in ihm die Sprache auf erstaunliche Weise an ihren Rand gedrängt, andererseits droht sein Stoff unter dieser doch selbstgefälligen Last zerdrückt zu werden. So kann letzterer auch nicht einwandfrei auf den Begriff gebracht werden. Fest steht, dass nicht nur die androgyn aufwartende Erzählinstanz, sondern mit ihr auch alle anderen Figuren von einem nebulösen Schleier umgeben sind. Das Tableau aus erzählendem Ich, Carter, Liop, Pé und Kaan sind bewusst schemenhaft gehaltene Identitäten ohne eindeutige Ränder. Obwohl das narrative Element dieses literarischen Debüts nicht zwangsläufig auf Minimalkontur setzt, haftet dem Setting etwas durchaus Unbestimmtes an. Es bleibt sozusagen Nacht, die sich in ihrer konturlosen Dunkelheit gefällt, vielmehr noch in ungemütlicher Nässe und Kälte wähnt und sich vor Lichtungen zu schützen sucht.

So begleitet man dieses pathologische Ich des Romans auf seinen ziellos verlaufenden Streifzügen durch die Wälder, Straßen und Kneipen eines mehr provinziell als urban situierten, aber nicht näher gekennzeichneten Ortes. Doch wird dabei weniger das äußerlich Sichtbare der städtischen Physiognomie in Augenschein genommen, sondern die stets nach innen gekehrte Übersetzung dieser Eindrücke, aus denen heraus dieses Ich nur schwerlich aus sich selbst hervor treten kann. Wenn darüber das eigentliche Was des Erzählens in Vergessenheit gerät, so muss sich bei der Lektüre dieses herausfordernden Romans umso mehr auf sein Wie konzentriert werden.

Mit dem abgebrochenen Medizinstudium im Nacken zergliedert dieses Ich das Alltägliche akribisch genau: Rauchen und Trinken sind dann nicht mehr nur Akte des Genießens, sondern mit ihnen werden erst diejenigen Kanäle offenbar, durch die man eine Verbindung von innen nach außen (und umgekehrt) herstellt. Das Gegebene dieser schmerzlichen Gegenwart wird sozusagen eingeatmet, heruntergeschluckt und äußert sich nicht selten in einem pulsierenden und röchelnden Ächzen ineinander verkeilter Körper.

Und überhaupt der Körper, genauer noch die Haut: In sie ist der letztverbindliche Maßstab von organischer Gewissheit eingeschrieben, an der sich die Gebundenheit des Geistes an den Körper immer wieder aufs Neue ablesen lässt. Die seelischen Untiefen entsprechen in Ally Kleins Roman dann denen des Körpers, die sich in all den Falten, Furchen, Kuppen und Ritzen bemerkbar machen und als zu ertastende Spuren zurückgelassen werden.

Wenn in der Folge „Mund zu Stein […], Speichel zu Kalk“ geworden ist, werden darin die nicht minder müden Metaphern dieser organisch-anorganischen Vergänglichkeitsdynamiken zwischen Körper und Geist auf die Probe gestellt. Sie treten in Carter gebetsmühlenartig hervor, gewähren keine Atempausen und schneiden oftmals die Bedeutung der Worte ab. Das manisch Ausgesprochene wird dann nur noch als Ton, als Luft und Schwingung wahrgenommen und von seinem semantischen Gehalt in seine physikalischen Grundbausteine zerlegt.

Carter durchmisst die Grenzbereiche aus Träumen und Wachen und hängt den entwurzelten Zugriff aufs Leben an einen seidenen Faden, der aber (daduch auch in erzählerischer Konsequenz) jederzeit vor Orientierungslosigkeit zu reißen droht. Somit bleibt ein nicht verkopftes, doch zu innerlich aufgeladenes Buch von einer Autorin zurück, die Unglaubliches zu schreiben in der Lage ist, diese Gabe aber nur in einer bisher ungerichteten Ausprägung einsetzen wollte.

Ally Klein: Carter. Literaturverlag Droschl: Graz – Wien 2018. 207 S., 20,00 Euro.

http://www.droschl.com/buch/carter/

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