Die Veröffentlichung von Ada Dorians Debütroman Betrunkene Bäume glich einer Inszenierung. Ihr Buch stand regelrecht Pate für den werbeträchtigen Start eines neuen Imprints im Ullstein-Verlag, das sich auf jüngere, deutschsprachige Gegenwartsliteratur fokussieren möchte. Im Bereich der sozialen Medien wurde dazu im Blog- und Videoformat nahezu alles eifrig hinausposaunt, was nicht niet- und nagelfest schien. Auch die Tatsache, dass für diesen Herbst bereits das nächste „abendfüllende“ Buch der jungen Osnabrückerin angekündigt wurde, spricht wortwörtlich Bände. Eingedenk dieser marktkonform-positivistischen Schwämme aus Tweets, Posts und Likes geriet der eigentliche Text – die Literatur dahinter – schon fast ins Abseits.

Der Roman Betrunkene Bäume erzählt von den Randständigen der Gesellschaft; über Menschenleben, von denen wir nichts wissen wollen, und über alle jene Lebensmenschen, die selbst keinen Anteil mehr am aktuellen Geschehen nehmen können. So kreist Ada Dorian die Biografien der jungen Oberschülerin Katharina und des achtzigjährigen Erich in ihren naturgegebenen Anfangs- und Endbedingungen ein. Scheinen ihre jeweiligen Gefühlswelten durch Schmerz, Kälte und Dunkelheit zunächst verhüllt, offenbaren sie sich in ihren gemeinsam angelegten Wünschen umso mehr. Es geht darum, die Nähe in den Weiten zu suchen, die Heimat in der Ferne zu finden: Denn die Wälder Sibiriens und die frostigen Böden der Taiga verbinden die beiden Ostberliner auf ungewöhnliche Weise.

Katharina ist gerade ihrer jugendlich-naiven Blüte zum Trotz von zu Hause abgehauen und wohnt bei überaus prekären Verhältnissen in der Behausung eines befreundeten Drogendealers. Ihr fehlendes Selbstvertrauen, die mangelnden Perspektiven und Identifikationspotentiale einer zerrütteten Familiensituation täten schnell ihr Übriges, wäre da nicht der etwas hemdsärmelig gewordene Erich von gegenüber. Der altgediente Wissenschaftler, spezialisiert auf Vegetationsformen in Permafrostregionen, findet sich nach einem Verkehrsunfall in seinem häuslichen Alltag nicht mehr zurecht und bittet die mittellose und verzweifelte Schülerin ihm behilflich zu sein.

Soviel die beiden auch trennt, so ist ihnen gleichermaßen der Verlust gemein. Beiden sind in jungen wie in späten Jahren die Familien und Freunde fremd geworden: Es fehlt an Wärme, Vertrauen und Zuspruch. Man ist nur noch für sich selbst; entweder vollkommen auf die Zukunft bezogen oder in der Erinnerung verhaftet. Abhilfe verschafft den unglücklichen Berlinern die Entdeckung ihres gemeinsamen Fluchtpunkts. Während Katharinas Vater im sibirischen Seimtschan unweit der Kolyma an einer Pipeline arbeitet, hatte Erich auf einer Expedition im Jahre 1960 seine spätere Frau Dascha ganz in der Nähe kennengelernt.

Die unerforschten Wälder, die ewigen Landschaften entsprechen dann genau unserer abgründigen Sehnsucht zur Erfassung der psychologischen Untiefen des Anderen, in der sich unweigerlich die Unhintergehbarkeit der Subjektivität breitmacht. Wie die Natur in ökologische Schieflagen gerät, so steht es auch um den Seelenhaushalt des Menschen, der umso verletzlicher scheint, je krummer und schlangenlinienartiger seine Bahnen verlaufen.

Ada Dorian schafft es die Analogien zwischen Mensch und Natur in einer durchaus poetisch-träumerischen, doch zielgerichteten Sprache zu erfassen. Selbst die vom Zeitgeist häufig gescholtenen Beschreibungen von Landschaften unterstehen ihrem wachen, einfühlenden Blick, der die Farbnuancen und Düfte der Gebirge, Flussläufe und Wälder sogar noch weiter in den Mittelpunkt rücken könnte. Gerade der Metaphernreichtum der Bäume erlaubt eine kritische Rückführung unserer Zivilisationstechniken auf ihre natürlichen Ursprünge hin: Ist es doch schlechthin der Wald, der einem fortan Gefahr und Schutz, Dunkelheit und Lichtung und alles sich daraus Entwickelnde in einem bot.

Doch das ist alles nur die halbe Wahrheit dieses uneindeutigen Romans, in dem sich sehr gelungene, existentiell waghalsige Schilderungen aus der Taiga mit überaus konformen Plaudereien zwischen Rentnern und jungen Menschen in der postsozialistischen Plattenbautristesse Ostberlins entgegenstehen. Die Mixtur aus dialoglastigem Jugendroman und einer epischen Naturerfahrung, die aufs Ganze abzielt, schafft es nicht ihren Bogen aus sich selbst heraus zu spannen. Und so bleibt das überaus reichhaltige Angebot des Textes im Unbeackerten, Unerfüllten liegen und wird von einer zuweilen trivial ausfallenden Rahmenhandlung überlagert.

von Marcus Böhm

Ada Dorian: Betrunkene Bäume. Ullstein Verlag: Berlin 2016. 268 S., 18,00 Euro.

http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch/details/betrunkene-baeume-9783961010011.html

 

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